Wohnen für behinderte Menschen – überall statt konzentriert

„Die Regionalisierung der Eingliederungshilfe ist politisch und fachlich gewollt. Wir brauchen Wohnangebote für Menschen mit Behinderung überall im Land, statt viele Heimlätze konzentriert an wenigen Orten. Dabei gilt: soviel ambulante Angebote wie möglich und soviel stationäre wie nötig. Alle Menschen mit Behinderung sollen wohnortnah die Unterstützung bekommen, die sie brauchen. Über das Ziel herrscht große Einmütigkeit, aber die Umsetzung ist oft schwierig“, erklärte Günter Garbrecht, der Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales des nordrhein-westfälischen Landestages zu Beginn eines Arbeitsgespräches zwischen zwölf SPD-Landes- und Kommunalpolitikern und dem Vorstand und Ressortleitungsmitgliedern der Diakonischen Stiftung Wittekindshof in Bad Oeynhausen.
Der SPD-Sozialpolitiker aus Bielefeld stieß mit dieser Analyse bei der Wittekindshofer Leitung auf Zustimmung: „Wir bauen seit knapp zehn Jahren systematisch Wohnangebote für Menschen mit Behinderung in den Kreisen Minden-Lübbecke und Herford ab, aber auch in neuen Regionen wie Hamm und Herne auf“ erklärte Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke und berichtete von großer Kooperationsbereitschaft in Kirchengemeinden und Kommunen, aber auch von teilweise frustrierenden Erfahrungen bei Verhandlungen in neuen Regionen.

Er hat zusammen mit seinem Vorstandskollegen Dieter Hakenberg und den für die Regionalisierung verantwortlichen Mitarbeitenden in den letzten Monaten und Jahren zahlreiche Gespräche geführt, um den Aufbau von Wohnangeboten an neuen Standorten zu fördern: „Wir betonen, dass wir nicht gegen sondern mit anderen Trägern vor Ort arbeiten wollen und nur die Angebote aufbauen, die vor Ort fehlen. Wir wollen niemanden etwas wegnehmen, sondern unsere Erfahrung und Fachlichkeit vor allem bei spezialisierten Angeboten auf kurzem Weg erreichbar machen“, so Dieter Hakenberg.

Den Weg der Kooperation lobte Günter Garbrecht und forderte die Wittekindshofer Leitung auf, bei diesen weitreichenden Veränderungsprozessen die Mitarbeiterschaft nicht zu vergessen: „Die Menschen brauchen Zeit und Unterstützung um den Wandel von der Komplexeinrichtung zu einem Regionalversorger im Alltag umzusetzen!“

Der Wittekindshofer Ressortleiter Diakon Uwe Thünemann betonte, dass Wohnangebote allein nicht ausreichen: „Menschen mit Behinderung brauchen einen Ort, wo sie ihre Freizeit verleben, andere Menschen treffen und neue Kontakte aufbauen können vor allem, wenn sie mit ambulanter Unterstützung selbständig in der eigenen Wohnung leben“, so Uwe Thünemann, der den Gästen die acht Wittekindshofer Kontakt- und Informationszentren (KIZ) in Bad Oeynhausen, Volmerdingsen, Vlotho, Enger, Lübbecke, Gronau Hamm und Herne vorgestellt hat. Sie entwickeln sich zu Orten der Begegnung zwischen Menschen mit und ohne Behinderung, aber auch für Selbsthilfegruppen, Ehrenamtliche und Rentner, da die Zahl der Ruheständler steigt, die aus Altersgründen aus dem Berufsleben in der Werkstatt für behinderte Menschen ausscheiden.

Landtagskandidat Ernst-Wilhelm Rahe hat im Arbeitsgespräch auf die Probleme bei der medizinischen Versorgung hingewiesen: „Die in den Fallpauschalen vorgesehenen Zeiten reichen für Menschen mit Behinderung nicht aus. Behandlung und Diagnose erfordern deutlich mehr Zeit“, erklärte der SPD-Kandidat aus Hüllhorst.
Der Wittekindshofer Ressortleiter Diakon Reiner Breder wies darauf hin, dass sich die Lage durch die Regionalisierung zuspitzen werde, weil immer mehr Menschen mit Behinderung die Dienste von niedergelassenen Ärzten und Therapeuten in Anspruch nehmen werden: „Die Wittekindshofer Ärzte beraten die Kollegen in spezifischen Fragen der Behindertenmedizin. Auf Dauer kann die medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung aber nicht auf freiwilligem Engagement basieren. Behindertenmedizin muss in der Mediziner-Ausbildung verankert und der erhöhte Zeiteinsatz bei der Bezahlung berücksichtigt werden“, ist der Diakon überzeugt.
Günter Garbrecht forderte den Wittekindshof auf, umgehend eine Stellungnahme zur problematischen medizinischen Versorgung von Menschen mit Behinderung zu verfassen, da sich der Ausschuss für Arbeit, Gesundheit und Soziales Ende Februar mit diesem Thema beschäftigen wird.

Foto:
Arbeitsgespräch mit zwölf SPD-Landes- und Kommunalpolitikerinnen und Politikern und vier Wittekindshofer Leitungskräften: (stehend v.l.) Ulrich Kaase (Vorsitzender SPD-Kreistagsfraktion), Karl-Heinz Haseloh (Mitglied des Landetags), Landrat Dr. Ralf Niermann (Kreis Minden-Lübbecke), Vorstandssprecher Pfarrer Professor Dr. Dierk Starnitzke (Wittekindshof), Günter Garbrecht (Mitglied des Landtages und Vorsitzender des Ausschusses für Arbeit, Gesundheit und Soziales des NRW-Landtages), Dieter Hakenberg (kaufmännischer Vorstand Wittekindshof), Ressortleiter Diakon Reiner Breder (Wittekindshof) und Ressortlei-ter Diakon Uwe Thünemann (Wittekindshof) und Dr. Olaf Winkelmann (Stadtverbandsvorsit-zender Bad Oeynhausen);
(sitzend v.l.) Bürgermeister Michael Schweiß (Hille), Angela Lück (Landtagskandidatin Herford/Löhne), Christian Dahm (Landtagskandidat Herford/Herford), Inge Howe (Mitglied des Landtags), Ernst-Wilhelm Rahe (Landtagskandidat Minden-Lübbecke), Birgit Härtel (Mitglied des Kreistages und der Landschaftsversammlung) und Egon Schewe (1. stellv. Bürgermeister; Vorsitzender SPD-Stadtverband Löhne).

Foto: Anke Marholdt