E.-W. Rahe beantwortet Fragen zum Thema U 3 Betreuung

B61: Guten Tag Herr Rahe,
im neuen Regionalmagazin B61 für die Kreise Minden-Lübbecke und Herford, das im September erstmalig erscheint, machen wir eine Reportage über das Thema U3-Betreuung.

B61 fragt…
Was unterscheidet die Gesellschaft 2012 von der Gesellschaft 1972 oder 1982, dass heute mit Hochdruck Betreuungsplätze geschaffen werden sollen?
E.-W. Rahe: Die Lebensverhältnisse, die Produktions- und Arbeitsbedingungen und auch das Familienbild haben sich in den letzten 30/40 Jahren grundlegend verändert. Gut ausgebildete Frauen und Männer wollen Beruf und Familie in Einklang bringen können. Das Familieneinkommen von Alleinverdienern reicht oft nicht aus, um den Lebensstandard zu sichern. Meistens fehlen Geschwisterkinder, die früher eine wichtige Funktion in der frühkindlichen Entwicklung hatten. Die Zahl der Alleinerziehenden ist deutlich gestiegen und die Haushalte, in denen mehrere Generationen unter einem Dach leben, sind eher selten geworden.

Soziales Lernen, frühe Förderung und kindgerechte Bildung: das sind Aufgaben, denen sich die Familien und Kindertageseinrichtungen daher gemeinsam stellen müssen.

B61 fragt…
Wo ist die Arbeit für die vielen Eltern, für deren Kinder Betreuungsplätze geschaffen werden?

E.-W. Rahe: Schon heute berichten viele Unternehmen vom Fachkräftemangel. Die industriellen Produktionsbedingungen erfordern qualifiziertes und motiviertes Personal. Die demografische Entwicklung wird einen großen Bedarf an Dienstleistungen in Service, Pflege und Betreuung mit sich bringen. Dies geschieht vor dem Hintergrund einer sinkenden Bevölkerungsentwicklung. Wir werden weniger, älter und „bunter“. Das wird deutliche Auswirkungen auf den künftigen Arbeitsmarkt haben.

B61 fragt…
Woher werden angesichts der demographischen Entwicklung die Kinder kommen, für die Betreuungsplätze eingerichtet werden?

E.-W. Rahe: Die demografische Entwicklung kann auch ein Gewinn für die pädagogische Arbeit in den Bildungs- und Betreuungseinrichtungen sein, denn in kleineren Gruppen können die Kinder auch besser gefördert werden.

Außerdem zeigt die Erfahrung in anderen europäischen Staaten, dass die Zahl der Geburten steigt, wenn verlässliche und qualifizierte Bildungs- und Betreuungsangebote vorhanden sind. Eltern brauchen Sicherheit und familienfreundliche Bedingungen, dann wächst auch die Geburtenrate. Hierzu gehören auch auskömmliche Einkommen und sichere Arbeitsplätze – möglichst direkt nach der Berufsausbildung.