Auf Reisen habe ich gelernt, dass technisches Wissen nur dann wirklich nützt, wenn es zur Intuition wird. Manche Aufnahmen entstehen im Vorbeigehen, andere erfordern Zeit, Geduld und ein gezieltes Spiel mit der Kamera. Im Folgenden teile ich die zehn Kamerafunktionen, die ich für jede Reisefotografin als unerlässlich empfinde — nicht als Dogma, sondern als praktisches Handwerkszeug, das mir wiederholt geholfen hat, Situationen zuverlässig einzufangen.
Blende (Aperture)
Die Blende bestimmt nicht nur die Belichtung, sondern vor allem die Schärfentiefe. Auf Reisen nutze ich die Blende bewusst, um die Bildwirkung zu steuern: f/1.8–f/2.8 für isolierte Porträts und Details, f/5.6–f/11 für Stadtansichten, Straßen und Landschaften, wenn ich mehr Tiefenschärfe möchte. Achte auf die Beugungsgrenze deiner Kamera — bei kleinen Sensoren bringt ein extrem hohes f-Zahl keinen Vorteil.
Verschlusszeit (Shutter Speed)
Verschlusszeit entscheidet über Bewegung: Ein schneller Verschluss friert, ein langsamer verwischt. Auf Fähren, in Zügen oder bei Straßenszenen wähle ich oft 1/500s oder schneller, um entscheidende Momente einzufrieren. Für fließendes Wasser oder bewegte Menschen probiere ich 1/4–1/2s mit Stativ oder 1/15–1/30s für leichte Bewegungsunschärfe aus der Hand, wenn ich sie als Stilmittel einsetze.
ISO
ISO ist der Kompromiss zwischen Lichtempfindlichkeit und Rauschen. Ich versuche, die ISO so niedrig wie möglich zu halten, aber auf Reisen ist Flexibilität gefragt: indoor in Restaurants oder abends auf dem Markt setze ich bei Bedarf ISO 1600–3200 ein (je nach Kamera — eine Sony A7-Serie oder die neueren Canon/RF-Modelle verzeihen das gut). Wichtig: in RAW lässt sich Rauschen später besser reduzieren als überbelichtete Schatten zu retten.
Autofokus-Modi (AF-S, AF-C, Einzelpunkt, Zonen)
Autofokus ist oft der Unterschied zwischen dem Moment, den man erlebt, und dem Foto, das später nervt. Ich wechsle je nach Situation: AF-S (One-Shot) für stille Motive, AF-C (Continuous) für Menschen in Bewegung. Bei Porträts nutze ich punktuellen AF (Eye-AF, falls vorhanden), bei Straßenszenen eine kleine Zone, um etwas Spielraum zu behalten. Moderne Kameras wie Fujifilm X- oder Nikon Z-Serien haben exzellente Augen-AF-Algorithmen — nutze sie.
Belichtungskorrektur (Exposure Compensation)
Bei kontrastreichen Szenen versagt die Automatik oft: helles Meer oder dunkle Gassen können die Kamera verwirren. Statt manuellem Nachmessen setze ich Belichtungskorrektur +/- 1–2 EV ein, um Highlights zu schützen oder Schatten anzuheben. Sehr nützlich bei schnellen Wechseln von Innen nach Außen, wenn ich mit Zeit- oder Blendenpriorität arbeite.
Weißabgleich (White Balance)
Automatischer Weißabgleich (AWB) ist meistens brauchbar, aber nicht immer mein Freund: Straßenlaternen, Kerzenlicht oder neonbeleuchtete Märkte können die Stimmung zerstören. Ich fotografiere bevorzugt in RAW und passe den Weißabgleich später an — trotzdem stelle ich bei bestimmten Lichtsituationen (z. B. goldenes Abendlicht, Wolken, Leuchtstoffröhren) vorab den passenden Preset ein, um die Bildvorschau auf dem Display realistischer zu halten.
RAW-Aufnahme
Das Fotografieren in RAW ist für mich Pflicht. RAW bewahrt Dynamikumfang und Farbinformationen, die JPEG vernichtet. Auf Reisen schenkt mir RAW die Möglichkeit, unter schwierigen Lichtverhältnissen Highlights zu retten und Farben zu kalibrieren — besonders wichtig bei Sonnenuntergängen oder kontrastreichen Innenräumen. Ja, RAW-Dateien brauchen mehr Speicherplatz, aber das ist ein kleiner Preis für die Flexibilität in der Nachbearbeitung.
Messmethoden (Metering Modes)
Matrix/Mehrfeldmessung funktioniert oft gut, aber gezielte Motive verlangen andere Modi: Spotmessung für präzise Belichtung eines Gesichts vor hellem Hintergrund, mittenbetonte Messung für ausgewogene Belichtung bei Porträts. Ich kontrolliere regelmäßig die Histogrammanzeige, weil sie die zuverlässigsten Hinweise auf Über- oder Unterbelichtung gibt.
Bildstabilisierung (IBIS/OSS)
Stabilisierung ist ein echter Spielveränderer auf Reisen — besonders bei längeren Brennweiten und in der Dämmerung. Ob IBIS im Gehäuse (z. B. bei Olympus/Panasonic und vielen Sony- oder Nikon-Modellen) oder optische Stabilisierung im Objektiv: Sie erlaubt langsamere Verschlusszeiten aus der Hand und erhöht die Trefferquote bei Schnappschüssen. Ich schalte Stabilisierung beim Stativ ab, um Konflikte zu vermeiden.
Manueller Fokus und Fokus-Peaking
Manchmal ist Autofokus überfordert: bei sehr kontrastarmen Motiven, durch Glas hindurch oder bei Nachtaufnahmen. Dann wechsle ich in den manuellen Fokus. Fokus-Peaking und Vergrößerung im Live-View sind dabei extrem hilfreich, um präzise Schärfe zu setzen. Besonders bei Landschaften mit Hyperfokaldistanz oder bei Makroaufnahmen verwende ich manuelles Fokussieren regelmäßig.
Bonus-Tipp: Intervalometer/Bracketing
Für Zeitraffern oder Belichtungsreihen (HDR) nutze ich das Intervall- oder Belichtungsreihen-Feature. Auf einem Marktplatz habe ich einmal durch Belichtungsreihen Schattenzeichnung und Spitzlichter so kombiniert, dass ein Szenenbild entstand, das meiner Erinnerung viel näher kam als jede Einzelbelichtung.
Diese Funktionen klingen vielleicht nach viel Technik — in Wahrheit geht es um Entscheidungen. Ich habe mir angewöhnt, nicht alle Einstellungen auf einmal zu ändern, sondern einen bewusst einfachen Workflow zu haben: RAW aufnehmen, Blende für die Bildwirkung wählen, Verschlusszeit nach Bewegung bestimmen, ISO anpassen, AF-Modus passend setzen. So bleibt Raum für das Wesentliche: die Begegnungen und Augenblicke, die eine Reisefotografie erst lebendig machen.
- Praxis: Übe jede Funktion einzeln auf kurzen Fotowalks, bevor du sie auf Reisen einsetzt.
- Ausrüstung: Eine Kamera mit zuverlässigem AF, guter High-ISO-Performance und Stabilisierung hilft, ist aber kein Ersatz für Blick und Timing.
- Workflow: RAW + Histogramm + gezielte Belichtungskorrekturen sparen Zeit in der Nachbearbeitung.