Fotografie

Wie man als fotograf*innen unterwegs porträts macht, die keine voyeuristischen grenzen überschreiten

Wie man als fotograf*innen unterwegs porträts macht, die keine voyeuristischen grenzen überschreiten

Porträtfotografie unterwegs hat für mich immer etwas von einem Balanceakt: auf der einen Seite die Sehnsucht, echte, ungefilterte Momente festzuhalten; auf der anderen Seite das Bewusstsein dafür, dass jede Aufnahme in die Privatsphäre eines Menschen eingreift. In diesem Text teile ich meine Erfahrungen und Strategien, damit Porträts weder voyeuristisch noch ausbeuterisch wirken — sondern respektvoll, ehrlich und verbindend.

Meine Grundhaltung: Respekt vor der Person vor der Linse

Bevor ich überhaupt die Kamera hebe, frage ich mich: Würde ich dieses Bild von mir selbst wollen? Diese einfache Frage hilft mir, eine ethische Voreinstellung einzunehmen. Für mich bedeutet Respekt vor allem drei Dinge: Einverständnis, Kontext und Würde. Einverständnis heißt nicht immer, ein langes Model-Release zu unterschreiben — oft reicht ein kurzes, ehrliches Gespräch. Kontext bedeutet, die Situation zu verstehen und diesen Kontext in der Bildsprache zu bewahren, statt jemanden zu reduzieren. Würde heißt, die Person nicht als reines Motiv oder als «Exotikum» darzustellen.

Wie ich auf Menschen zugehe

Ich beginne mit Blickkontakt und einem Lächeln. Ein „Hallo, darf ich ein Foto von Ihnen machen?“ ist oft genug, aber ich erkläre auch kurz, warum ich fotografieren möchte und wie das Bild verwendet wird. Das nimmt den Überraschungseffekt und schafft Vertrauen. Wenn Zeit ist, zeige ich ein paar meiner früheren Bilder auf dem Kamera-Rückdisplay oder auf meinem Smartphone — das baut Hemmungen ab.

  • Bei spontanen Situationen frage ich um Erlaubnis, bevor ich ein Foto mache.
  • Wenn Sprache eine Barriere ist, nutze ich ein paar einfache Gesten oder das Zeigen auf die Kamera und ein fragendes Gesicht.
  • Bei Kindern oder offensichtlich schutzbedürftigen Personen frage ich immer die Begleitperson oder erbitte klare Zustimmung.

Wenn jemand „Nein“ sagt

Ein „Nein“ akzeptiere ich ohne Diskussion. Ich habe gelernt, dass Ablehnung nichts Persönliches ist — es ist Respekt. Manchmal biete ich an, das Foto trotzdem zu machen und es der Person später zu zeigen oder per E-Mail zuzusenden, falls sie es sich anders überlegt. Aber Druck oder Verhandlung über Zustimmung sind für mich tabu.

Technik und Stil: So vermeide ich Voyeurismus

Voyeurismus entsteht oft durch Perspektive, Brennweite und Kontextlosigkeit. Ich achte auf drei technische Entscheidungen:

  • Brennweite: Statt mit Teleobjektiven heimlich aus der Distanz zu zoomen, bevorzuge ich häufig 35–85 mm, um eine natürliche Perspektive zu erhalten und Nähe zu ermöglichen, ohne aufdringlich zu wirken.
  • Tiefe des Bildes: Ich integriere Umgebungselemente, die die Situation erklären — dadurch wird die Person nicht isoliert oder zur bloßen Oberfläche reduziert.
  • Licht und Abstand: Natürliches Licht und moderater Abstand schaffen Intimität ohne Übergriffigkeit. Ich vermeide Blitz in Situationen, die irritierend oder demütigend wirken könnten.

Manchmal ist ein Porträt in Bewegung ehrlicher als ein gestelltes. Ich fotografiere daher gerne bei kurzen Gesprächen, beim Lachen oder in einer Tätigkeit. Diese Aufnahmen wirken weniger gestellt und zeigen die Person in einem Handlungskontext.

Komposition: Würde durch Bildaufbau

Ich achte bewusst auf Blickrichtung, Körperhaltung und dessen Verhältnis zum Umfeld. Ein enger Crop auf ein Gesicht kann sehr intim sein — aber auch verletzend, wenn die Person keine Zustimmung gab oder die Aufnahme ohne Kontext gezeigt wird. Deshalb balanciere ich Nahaufnahmen mit Bildern, die mehr Raum und Kontext geben. Portraits, die Menschen in ihrem Alltag zeigen — beim Handwerk, beim Lesen, beim Warten — bewahren oft mehr Würde als reine Gesichter-Aufnahmen.

Storytelling statt Sensationslust

Mir ist wichtig, dass meine Bilder eine Geschichte erzählen. Das heißt: Ich frage mich, was ich mit diesem Porträt aussagen will. Geht es darum, eine soziale Situation zu illustrieren? Will ich Empathie vermitteln oder nur ästhetische Formen zeigen? Wenn die Intention aus Sensationslust heraus entsteht, lasse ich das Bild meist ruhen. Fotos, die Menschen als Subjekte und nicht als Objekte zeigen, entstehen, wenn ich die Person in den Mittelpunkt der Narration stelle — ihre Stimme, ihren Kontext, ihre Handlung.

Praktische Tipps für unterwegs

  • Leichte Ausrüstung: Eine spiegellose Kamera wie die Sony A7C oder eine Fujifilm X-Serie ist mobil und unauffällig. Ein 35mm oder 50mm Objektiv deckt viele Situationen ab.
  • Schnelle Kommunikation: Habe eine kurze Erklärung parat, die du in einer Sprache oder mit Gesten vermitteln kannst: Wer du bist, was du machst, wie das Bild verwendet wird.
  • Visitenkarte oder Portfolio-Link: Ich habe immer eine kleine Karte mit meinem Blog (https://www.ernst-wilhelm-rahe.de) oder Instagram bei mir — das wirkt professionell und gibt Sicherheit.
  • Rechte klären: Informiere dich über lokale Gesetze zur Straßenfotografie. In vielen Ländern ist das Fotografieren in der Öffentlichkeit erlaubt, aber die Veröffentlichung kann rechtliche Folgen haben, besonders bei kommerzieller Nutzung.

Nach dem Fotografieren: Umgang mit den Bildern

Ich sortiere die Bilder nicht nur nach ästhetischen Kriterien, sondern auch nach ethischen. Manchmal lösche ich Aufnahmen, die mich später als zu intim erscheinen. Vor der Veröffentlichung überlege ich: Würde die Person identifizierbar sein? Habe ich ihre Zustimmung für diese Art der Nutzung? In Fällen, in denen der Kontext heikel ist, kontaktiere ich die fotografierte Person und bitte um ein Einverständnis, erläutere den geplanten Verwendungszweck und biete an, das Foto nicht zu veröffentlichen oder anonymisiert zu zeigen.

Bildbearbeitung mit Rücksicht

Retusche kann Würde bewahren oder zerstören. Ich entferne gelegentlich hartnäckige Ablenkungen (Peper-Logos, Müll im Hintergrund), aber vermeide übertriebene Manipulationen, die die Person in eine Fake-Identität verwandeln. Hautretusche ist dezent; der Mensch soll erkennbar bleiben. Wenn Bilder in einem sensiblen Kontext stehen, entscheide ich mich manchmal für Schwarz-Weiß oder einen entsättigten Look, um den Fokus auf Mensch und Situation zu lenken, nicht auf Sensationsfarben.

Persönliche Anekdote

Einmal bat mich eine ältere Frau in einem Markt in Thessaloniki, ihr Portrait zu machen. Ich erklärte kurz mein Projekt, sie nickte und wir unterhielten uns zehn Minuten. Als sie mich bat, den Markt im Bild zu behalten — „Damit man sieht, wo ich hingehöre“ — fühlte ich mich bestätigt in meinem Ansatz: Menschen nicht aus ihrem Lebensraum zu reißen, sondern sie in ihrem Kontext zu zeigen. Das Foto hängt heute in meiner Galerie und erinnert mich daran, dass Fotografie Verantwortung bedeutet.

Porträtfotografie unterwegs ist für mich immer ein Lernprozess. Jede Begegnung fordert mich heraus, meine Technik, meine Sprache und meine Haltung zu überdenken. Wenn ich diese Prinzipien beherzige, entstehen Bilder, die nicht nur schön sind, sondern auch respektvoll und wahrhaftig.

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