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Wie ein verwaistes bahnhofsgebäude mir zeigte, wie stadtgeschichte neu erzählt werden kann

Wie ein verwaistes bahnhofsgebäude mir zeigte, wie stadtgeschichte neu erzählt werden kann

Ich stand an einem späten Oktobernachmittag vor einem verwaisten Bahnhofsgebäude, das seit Jahren nur noch im Flüsterton der Stadtgeschichte vorkam. Die Fenster waren zugenagelt, die Fassadenfarbe schälte sich in langen Streifen, und doch hing etwas Lebendiges in der Luft: nicht mehr der Rhythmus der Züge, sondern die stille Möglichkeit, Geschichte neu zu erzählen. Dieses Gebäude hat mir gezeigt, dass Stadtgeschichte kein staubiges Archiv ist, sondern ein erzähltes Gefüge aus Erinnerungen, Machtverhältnissen und Zukunftsentwürfen.

Wie ein Ort Geschichten sammelt

Wenn ich an Bahnhöfe denke, höre ich zuerst Geräusche: das Ansagen der Züge, das Quietschen von Türen, die Schritte von Reisenden. Bei diesem verlassenen Bahnhof waren es andere Geräusche – das Knarren alter Holzverkleidungen, das sporadische Tropfen aus einem undichten Dach und das entfernte Rufen einer Möwe. Trotzdem spürte ich, wie jede Schicht des Gebäudes Geschichten bewahrte. Ein vergilbtes Fahrplanposter, ein vergessener Koffer im Gleisbett, eingeritzte Initialen an einer Holzbank – kleine Artefakte wie diese sind Fenster in vergangene Lebenswelten.

Stadtgeschichte ist für mich nie linear gewesen. Sie ist palimpsestisch: Schichten überlagern sich, werden abgeschliffen, wieder beschrieben. Der verwaiste Bahnhof ist ein konkretes Beispiel dafür. Er erzählt von Hektik und Abschieden, von Grenzübergängen und wirtschaftlichen Blütezeiten, aber auch von Vernachlässigung, sozialer Verlagerung und politischen Entscheidungen, die Menschen und Orte gleichermaßen formen.

Die Macht des Vergessens und die Chancen des Erinnerns

Warum wird ein zentraler Ort wie ein Bahnhof plötzlich vergessen? Oft sind es ökonomische Verschiebungen: neue Verkehrsachsen, veränderte Logistikketten oder der Rückzug bestimmter Industriezweige. Daneben spielen politische Prioritäten eine Rolle – Investitionen fließen dorthin, wo sie kurzfristig wirken. Vergessen ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Bedeutungslosigkeit. Im Gegenteil: das Vergessene bietet eine Bühne für neue Erzählungen.

Ich frage mich beim Betrachten solcher Orte immer: Wem gehört die Erinnerung? Wem gehört der Raum? In meinem Fall wurde das alte Bahnhofsgebäude von verschiedenen Gemeinschaften bewohnt – Arbeiterfamilien, Pendler, später vielleicht Drogenabhängige und schließlich Künstler, die für kurze Zeit Zwischennutzungen organisierten. Jede Gruppe hat ihre Spuren hinterlassen. Als Stadtgesellschaft sollten wir diese Schichten nicht hierarchisieren, sondern als unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Stadtgeschichte lesen.

Konkrete Wege, wie ein verwaistes Gebäude Stadtgeschichte neu erzählen kann

  • Zwischennutzung als Erzählwerkstatt: Lokale Initiativen können Räume temporär bespielen – Ausstellungen, Lesungen oder Workshops zur Stadtgeschichte. Solche Formate machen Geschichte fühlbar und partizipativ.
  • Oral History-Projekte: Ältere Bewohnerinnen und Bewohner, ehemalige Bahnarbeiter oder Pendler teilen Erinnerungen, die sonst verloren gingen. Diese Geschichten sind oft stärker emotional aufgeladen als offizielle Chroniken.
  • Archäologie des Alltags: Systematische Dokumentation von Artefakten (Fahrkarten, Plakate, Möbel) schafft Material für späteres Forschen und Ausstellen.
  • Künstlerische Interventionen: Installationen oder Fotoprojekte – etwa auf analogem Film oder mit einer spiegellosen Kamera wie der Fujifilm X-T4 – können die Atmosphäre des Ortes einfangen und neue Bedeutungen schaffen.
  • Partizipative Planung: Bewohnerinnen und Bewohner in städtebauliche Entscheidungen einbeziehen, um eine gemeinsame, inklusive Narration zu entwickeln.

Ein kleines Experiment: Wie ich den Ort erlebt habe

Ich habe an diesem Bahnhof ein kleines Experiment gemacht, das ich gern teile, weil es simpel ist und sofort Ergebnisse bringt. Ich setzte mich mit einem Notizbuch und einer Thermoskanne Kaffee in die alte Wartehalle, schlug die Tür vorsichtig auf und ließ Menschen vorbeigehen. Einige hielten an, andere zogen mit angespannten Schultern weiter. Ich bat jene, die stehen blieben, um eine Erinnerung – eine Begebenheit, die sie mit dem Ort verband. In zwei Stunden sammelte ich fünfzehn Geschichten: von Kindern, die im Schnee auf dem Bahnsteig Schlitten fuhren, bis zu einem Mann, der einst seinen Schulfreund zur Abfahrt verabschiedete und nie wieder sah.

Aus diesen fünfzehn Miniaturen entstand ein kleines Panorama der Stadt: Verlust, Freude, Alltag, Umbrüche. Ich fotografierte Stellen, die in den Erzählungen vorkamen – eine kaputte Bahnsteiglampe, eine Parkbank mit Initialen – und fügte die Bilder mit kurzen Texten zusammen. Am Ende hängte ich die Collage an die zugenagelte Fensterreihe. Binnen Minuten blieben Passanten stehen, lasen, fügten Anekdoten hinzu. Aus einem verwaisten Ort wurde temporär ein Treffpunkt des Erinnerns.

Was lokale Politik und Verwaltung beitragen können

Natürlich braucht es strategisches Handeln, damit solche Ansätze Bestand haben. Behörden können:

Förderprogrammefür Zwischennutzungen und kulturelle Initiativen auflegen.
Denkmalschutz flexibler denkensodass adaptiver Umgang mit historischen Bauten möglich wird, ohne ihre Seele zu verlieren.
Partizipation institutionalisiertenz.B. durch Bürgerforen, in denen Stadtgeschichte und -planung zusammengedacht werden.

Solche Maßnahmen verhindern, dass Geschichte nur in Lehrbüchern existiert, und ermöglichen eine lebendige Auseinandersetzung im öffentlichen Raum.

Warum mich das persönlich bewegt

Mich berührt an solchen Orten immer die Spannung zwischen Vergänglichkeit und Beharrung. Ein verwaistes Bahnhofsgebäude ist ein physischer Beleg dafür, dass Städte wandlungsfähige Organismen sind. Es erinnert daran, dass die Dinge, die wir bauen, nicht nur funktional sind, sondern Träger von Sinn und Erinnerung. Als jemand, der gerne Geschichten sammelt und in Essays versucht, Verknüpfungen sichtbar zu machen, finde ich es wichtig, Räume wie diesen nicht als Makel zu betrachten, sondern als Chance. Eine Chance, Geschichte zu demokratisieren und sie gemeinsam neu zu erzählen.

Beim Weggehen drehte ich mich noch einmal um. Die Abendsonne traf die bröckelnde Fassade in warmes Licht. Für einen Moment wirkte das verfallene Gebäude wie ein offenes Buch – zwar mit Eselsohren, aber lesbar. Ich dachte an all die Geschichten, die dort noch schlummern, und an die Möglichkeiten, die städtische Erinnerungsräume bieten können, wenn wir bereit sind zuzuhören und mitzuschreiben.

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