Persönliches

Wie ich auf reisen bewusst souvenirs vermeide und wie das meine erinnerungen verändert

Wie ich auf reisen bewusst souvenirs vermeide und wie das meine erinnerungen verändert

Warum ich bewusst auf Souvenirs verzichte

Auf den ersten Blick wirkt es widersprüchlich: Als Reisender, der Eindrücke sammelt und dokumentiert, könnte man erwarten, dass ich eine Sammlung von magneten, T-Shirts oder billigen Keramikfiguren habe. Stattdessen greife ich selten zu materiellen Souvenirs. Der Grund ist weder Pragmatismus noch Geiz – es ist ein bewusstes Experiment. Ich möchte herausfinden, wie sich Erinnerungen verändern, wenn ich nicht darauf vertraue, ein Objekt als „Anker“ zu besitzen.

Viele Menschen fragen mich: „Verliert man nicht etwas, wenn man nichts mitbringt?“ Die einfache Antwort ist: nicht unbedingt. Für mich eröffnen sich andere Formen des Behaltens – erzählt, fotografiert, aufgeschrieben und manchmal nur innerlich behalten.

Was passiert in meinem Kopf, wenn ich nichts kaufe

Ohne das automatische Bedürfnis, etwas zu kaufen, beobachte ich anders. Ich nehme mir Zeit, den Markt, das Café oder die Landschaft in mich aufzunehmen. Details, die beim Souvenirkauf oft übersehen werden, treten hervor: die Art, wie die Sonne auf eine Mauer fällt, die kleine Notiz an einem Schaufenster, ein Gesprächsfetzen in einer Sprache, die ich gerade lerne.

Das Fehlen eines physischen Gegenstands verschiebt die Last der Erinnerung auf andere Medien: Sprache, Bilder, Gerüche und Rituale. Wenn ich eine Postkarte oder einen Magnet kaufe, signalisiert das meinem Gehirn oft, dass die Erinnerung „gesichert“ ist. Ohne diese Abkürzung bleibt das Erlebnis aktiver — es muss immer wieder neu geformt werden. Diese Wiederholung ist es, die die Erinnerung nachhaltig macht.

Wie ich Erinnerungen ohne Souvenirs konserviere

Ich nutze mehrere, bewusste Methoden, um Erlebtes zu bewahren:

  • Schreiben: Ein kleines Moleskine-Notizbuch oder die Notizen-App auf dem Smartphone sind meine ständigen Begleiter. Ich schreibe nicht nur Fakten, sondern Stimmungen, Dialoge und Fragen.
  • Fotografie: Statt Souvenirs sammle ich Bilder mit einer Leica Q oder einem Smartphone. Ich fotografiere nicht, um zu zeigen, sondern um wieder einzutreten in den Moment – oft mit Fokus auf Details statt auf klassische Postkartenmotive.
  • Gerüche und Geschmack: Ich notiere Rezepte, kaufe selten Zutaten wie Gewürze oder Kräuter, die sich leicht transportieren lassen, und koche zuhause Gerichte, die mich zurückversetzen.
  • Erzählungen: Ich erzähle die Reiseerlebnisse anderen, oft bei einem Glas Wein. Die Erzählung formt die Erinnerung, macht sie lebendig und flexibel.
  • Häufige Fragen — und meine Antworten

    Frage: Verwechselst du nicht irgendwann Details, wenn du keine Souvenirs hast?

    Antwort: Ja, Details verschwimmen. Aber das ist nicht immer negativ. Erinnerung ist kein statisches Archiv, sondern ein aktiver Prozess. Die Kanten werden unscharf, während Bedeutungen und Emotionen hervorstechen. Ich erinnere mich eher an das Gefühl des Marktes am Nachmittag als an die Farbe einer bestimmten Vase.

    Frage: Was ist mit Geschenken für andere?

    Antwort: Ich bringe selten standardisierte Souvenirs mit. Stattdessen schenke ich oft kleine, regionale Lebensmittel, eine eigene Fotoreihe, einen handgeschriebenen Brief oder empfehle ein Buch, das ich vor Ort entdeckt habe. Diese Geschenke sind persönlicher und starten ein Gespräch über die Reise, statt nur ein Objekt zu liefern.

    Frage: Vermisst du nicht das haptische Erinnern?

    Antwort: Manchmal schon. Es gibt Momente, in denen mir ein Gegenstand fehlen würde, um eine Erinnerung zu verankern. Dann kaufe ich bewusst etwas Kleines, das einen echten Wert hat — etwa ein handgefertigter Teller von einem Keramiker, dessen Geschichte ich kenne. Aber solche Käufe sind selten und überlegt.

    Praktische Strategien für Reisende, die weniger kaufen wollen

    Wenn Sie wie ich versuchen möchten, bewusster zu reisen, können die folgenden Strategien helfen:

  • Setzen Sie ein Budget für Souvenirs — und halten Sie sich daran. Das macht die Kaufentscheidung bewusst.
  • Fragen Sie sich vor jedem Kauf: Warum will ich das? Ist das Erinnerung oder nur Konsum?
  • Ersetzen Sie Objekte durch Erlebnisse: Ein Kochkurs, eine Führung oder ein gemeinsames Abendessen sind oft erinnerungsreicher und nachhaltiger.
  • Nutzen Sie digitale Tools: Ein Fotojournal in der App Day One oder ein Blogpost (z. B. hier auf ernst-wilhelm-rahe.de) kann Erinnerungen strukturieren.
  • Pflegen Sie Rituale: Einmal pro Woche ein Fotoalbum durchsehen oder einen Text über eine Begegnung schreiben stärkt die Erinnerung.
  • Ein kleines Experiment: Die Souvenirliste

    Ich führe manchmal eine „Souvenirliste“ — nicht mit Dingen, sondern mit Momenten, die ich unbedingt behalten möchte. In einer Stadt könnte das sein:

    MomentWarum
    Ein Gespräch mit dem BäckerWeil es die Wärme der Bewohner zeigt
    Ein regnerischer Spaziergang durch das MuseumWeil ich dort ein Gemälde entdeckte, das mich bewegt hat
    Der Geschmack eines lokalen KäsesWeil er mich an einen Abend auf dem Markt erinnert

    Diese Liste ist mein innerer Koffer. Am Ende der Reise übertrage ich die wichtigsten Einträge in längere Texte oder übersetze sie in ein Fotoessay.

    Wie sich meine Erinnerungen verändert haben

    Seit ich diese Praxis pflege, hat sich mein Erinnern feiner und selektiver entwickelt. Ich habe gelernt, dass häufige Wiederholung — Erzählen, Schreiben, Nachkochen — Memory stärkt. Die Erinnerung ist nicht mehr von einem Objekt abhängig, sondern von einer Serie kleiner Handlungen.

    Außerdem hat sich meine Beziehung zu Dingen verändert. Ich kaufe bewusster, weniger „für die Zukunft“, dafür mit größerer Wertschätzung für Handwerk und Kontext. Ein handgemachtes Buch oder ein lokal hergestelltes Leder-Band bekommt bei mir einen Platz, weil ich die Geschichte dahinter kenne. Der Rest bleibt immateriell — und lebendig.

    Tipps für Leserinnen und Leser, die es ausprobieren wollen

  • Probieren Sie es auf einer kurzen Reise: Zwei Tage ohne Souvenirs, nur Notizen und Fotos.
  • Verabreden Sie sich nach der Rückkehr mit Freunden, um Ihre Erlebnisse zu teilen — das Erzählen ist das stärkste Erinnerungstool.
  • Wenn Sie trotzdem etwas mitbringen möchten: Fragen Sie den Verkäufer nach der Geschichte des Objekts. Kontext macht Dinge bedeutungsvoll.
  • Am Ende bleibt Reisen für mich ein Dialog zwischen Außenwelt und innerer Landschaft. Indem ich bewusst aufs Kaufen verzichte, lade ich mich selbst ein, genauer hinzuhören, intensiver zu fühlen und meine Erinnerungen aktiv zu gestalten — ohne sie in eine Vitrine zu sperren.

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